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„Ich habe noch nie aufgegeben“

Interview mit Amazonas-Bischof Erwin Kräutler – Träger des Alternativen Nobelpreises und Anwalt der indigenen Völker – „Regierende haben im Zusammenhang mit dem Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte die Verfassung gebrochen“ – Seit sechs Jahren rund um die Uhr unter Polizeischutz

Münsterschwarzach/Würzburg (POW) Bischof Erwin Kräutler (73) aus dem Amazonasbistum Xingu hat in den vergangenen Tagen das Bistum Würzburg besucht. Der gebürtige Österreicher sprach in Aschaffenburg und feierte den Weltmissionssonntag in Münsterschwarzach mit. In folgendem POW-Interview, das in Münsterschwarzach geführt wurde, spricht der Träger des Alternativen Nobelpreises und Anwalt der indigenen Völker am Amazonas über seinen Einsatz für die Rechte und Würde der Menschen, über seinen Kampf gegen den Bau des Mega-Wasserkraftwerks Belo Monte und über die Seelsorge in seiner Diözese Xingu, die flächenmäßig so groß wie Deutschland ist. Bischofssitz ist die Stadt Altamira.

POW: Bischof Kräutler, steht Amazonien im Blick der Weltkirche?

Bischof Erwin Kräutler: Ganz sicher. Wenn man früher von Brasilien gesprochen hat, dann ging es meist um Fußball oder den Karneval in Rio. Heute ist Amazonien in den Mittelpunkt des Interesses der Welt und auch der Kirche getreten. Gerade weil sich die Kirche in jüngster Zeit viel mehr der ökologischen Dimension bewusst geworden ist. Amazonien ist ja keine abgeschlossene Enklave, sondern Amazonien hat Einfluss auf das Weltklima, auf den ganzen Planeten Erde.

POW: Stehen auch die Menschen Amazoniens im Blick?

Bischof Kräutler: Ich finde, noch zu wenig. Sie stehen nicht einmal im Blickpunkt der brasilianischen Kirche. Brasilien befindet sich bis heute in einer Migrationswelle, die vom Südwesten und Zentralbrasilien nach Norden geht. Der Kirche ist das missionarische Empfinden, diese Menschen zu begleiten, leider viel zu wenig bewusst. Wir stehen vor Herausforderungen, die wir früher nie erahnt hätten: Da wächst eine Stadt von 4000 auf 100.000 Einwohner. Die Zahl der Priester ist aber nach wie vor sehr, sehr gering. In meiner Diözese gibt es beispielsweise 900 kleine Gemeinden und wir haben nur 30 Priester.

POW: Ihr Vortrag bei Ihrem Besuch im Bistum Würzburg trägt den Titel „Kirche und Politik“. Wie politisch muss und soll Kirche sein?

Bischof Kräutler: Die Kirche hat das Recht und den Auftrag, sich einzusetzen, wenn es um die Rechte und die Würde der Menschen geht. Man kann das nicht teilen und sagen: Ich bin am Sonntag auf der religiösen Dimension da, und während der Woche woanders. Die Menschen sind dieselben: die am Sonntag in der Kirche sind und die von Montag bis Samstag den Herausforderungen gegenüberstehen.

POW: Seit Jahren haben Sie gegen den Bau des riesigen Wasserkraftwerks Belo Monte am Amazonas gekämpft. Die Bauarbeiten haben begonnen. Geben Sie jetzt auf?

Bischof Kräutler: Nein, ich habe noch nie aufgegeben. Wir fordern nach wie vor die Rechte ein: die Rechte der indigenen Bevölkerung, der Flussbewohner, der Fischer und auch der Bewohner der Stadt Altamira, die vor der Tatsache stehen, dass ihre Häuser überflutet werden. Das sind nicht ein paar Leute, sondern 40.000 Menschen.

POW: Sehen Sie noch Chancen?

Bischof Kräutler: Dass das Werk verhindert wird? Es wurden bereits mindestens zwei Milliarden Euro hineinverpulvert. Da kann man es sich nicht mehr vorstellen, dass das gestoppt wird. Es gab zwar schon drei Baustopps. Die Argumentation lautet aber jetzt: Man kann nicht mehr aufhören, es wurde bereits zu viel investiert. Dann gibt es 14.000 Arbeiter dort, die man nicht einfach abziehen könnte. Das gäbe ein soziales Chaos. Das leuchtet den Leuten außerhalb des betroffenen Gebiets ein. Wir verlangen aber, dass die Bedingungen erfüllt werden, die von der Regierung selber zum Baubeginn aufgestellt wurden. Bis heute sind diese nicht erfüllt worden. Hier geht es um Bedingungen, die im Zusammenhang mit den Menschen und der Mitwelt stehen, vor allem Bedingungen für die indigenen Völker.

POW: Sind Sie enttäuscht von der Politik?

Bischof Kräutler: Sehr. Der frühere Staatspräsident Lula hat uns angelogen. Ich bin absolut überzeugt davon, dass es keinen Dialog gibt. Und die Regierenden haben im Zusammenhang mit Belo Monte die Verfassung gebrochen.

POW: Das sagen Sie auch so deutlich …

Bischof Kräutler: Ja, ganz deutlich. Die Regierung weiß, dass ich damit auch weltweit argumentiere. Es ist einfach wahr: Die Verfassung hat vorgesehen, dass die indigenen Völker gehört werden müssen, wenn man so ein Projekt durchführt. Das ist nicht geschehen.

POW: Wie groß ist Ihr Rückhalt in der Bevölkerung?

Bischof Kräutler: Der Rückhalt ist heute größer als früher. Früher hat man gemeint, der Bischof ist gegen den Fortschritt. Heute sagen die Leute, der Bischof hat Recht. Jetzt spüren sie es, aber leider zu spät. Es waren natürlich nie alle für Belo Monte. Aber gerade in den oberen Schichten – bei den Unternehmern und Geschäftsleuten – war Belo Monte der Inbegriff des Fortschritts. Heute merken sie, dass sie darunter leiden. Heute würde niemand mehr einen Aufkleber aufs Auto geben mit der Aufschrift: „Wir wollen Belo Monte.“ Die Zeiten sind vorbei. Leider liegt die Stadt Altamira mit ihren 120.000 Einwohnern im Chaos – in jeder Hinsicht: im Wohnungsbau, im Erziehungs- und Gesundheitswesen, bei der öffentlichen Sicherheit. Prostitution herrscht selbst bei Tageslicht. Jeden Tag gibt es einen Mord. Wenn es heute keinen gibt, dann morgen zwei. Das ist grausam. Es wurde keine Infrastruktur für den Bau des Staudamms geschaffen. Sie wäre eine der Bedingungen gewesen, die aber nicht ausgeführt wurde. Man hat gesagt, die Bedingungen können erfüllt werden, während der Bau im Gang ist. Das geht ins Auge.

POW: Wie gefährdet sind Sie persönlich?

Bischof Kräutler: Ich stehe seit sechs Jahren täglich 24 Stunden unter Polizeischutz. Das wird sich bis zu meiner Pensionierung nicht mehr ändern. Ich werde bereits am Flughafen von der Polizei erwartet.

POW: Die Kirche lebt von der weltweiten Solidarität der Ortskirchen untereinander. Was kann die Kirche in Brasilien der Kirche in Deutschland und Europa geben?

Bischof Kräutler: Mission ist nie eine Einbahnstraße. Wenn es darum geht, von anderen Ortskirchen zu lernen, gibt es in Europa viel Nachholbedarf. Die Verantwortung und Mitgestaltung der Laien, die durch Taufe und Firmung gegeben ist, muss eingefordert werden. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, dass Laien – das Kirchenvolk – mehr mitbestimmen können, wenn es um pastorale Prioritäten geht. Hier kann die Kirche in Europa noch viel von der Kirche des Südens lernen.

POW: Am ersten Adventssonntag 2012 wird die Partnerschaft zwischen dem Bistum Óbidos am Amazonas und dem Bistum Würzburg besiegelt. Was wünschen Sie dieser konkreten Zusammenarbeit?

Bischof Kräutler: Da gilt das eben Gesagte. Und ich darf mich hier äußern, da ich meinen Teil geleistet habe, dass diese Verbindung zustande gekommen ist. Óbidos erwartet sich, dass die Partnerschaft keine Einbahnstraße ist und Impulse von den einfachen Leuten in Óbidos nach Würzburg kommen können.

POW: Zum Beispiel …

Bischof Kräutler: Wenn ich frage: Wie lebt Ihr, wie ist das Gemeindeleben bei Euch? Dann wird man ganz bewusst darauf kommen, dass das Gemeindeleben in Amazonien mit der Verantwortung der Frauen und Männer in den kleinen Gemeinden zu tun hat, in denen selten ein Priester vor Ort ist. Das heißt aber nicht, dass die Laien gefordert sind, weil Priestermangel herrscht. Die Laien sollen sich ihrer in der Taufe begründeten Sendung bewusst werden. Sie sollen diese auch in der Gemeindeleitung ausführen. Bei 900 Gemeinden mit 30 Priestern in meinem Bistum Xingu kann man sich an den Fingern abzählen, dass ein Priester nur drei- bis viermal im Jahr vor Ort ist. Das ganze kirchliche Leben in den Gemeinden wird von Frauen und Männern geleitet. Der Priester hat selbstverständlich den Vorsitz bei der Eucharistiefeier, die leider nur zwei- bis dreimal im Jahr möglich ist, und spendet die Sakramente. Aber die Wortgottesdienste werden von Laien geleitet. Da können wir in Deutschland etwas lernen. Mit der Zusammenlegung von Gemeinden werden wir nicht das erreichen, was wir wollen. Es ist sehr gefährlich, die Priester zu verheizen. Diese haben dann so viele Aufgaben, dass sie für sich selber keine Zeit mehr haben. Wir müssen den Mut haben, Aufgaben abzugeben. Ein Gottesdienst ist auch dann ein Gottesdienst, wenn er keine Eucharistiefeier ist. Gott ist auch gegenwärtig in seinem Wort. Das haben wir vom Konzil gelernt.

POW: Was planen Sie in den kommenden Jahren?

Bischof Kräutler: Ich werde weitermachen, solange mir Gott die Gesundheit schenkt. Meinen Rücktritt werde ich mit 75 Jahren einreichen. Die Annahme hängt dann vom Papst ab. Aber der Übergang zum nächsten Bischof wird nicht so nahtlos gehen. In unseren Verhältnissen ist es nicht sehr einfach: Unser Bistum ist eine Herausforderung. Es ist so groß wie Deutschland. Täglich haben wir Konflikte vor der Haustüre. Ich hoffe, dass ein Bischof kommt, der den Weg weitergeht. Ich habe viele Ideen für die Zukunft. Ich bin schon 32 Jahre Bischof – und nicht 32 Tage. Meine Erfahrungen will ich aufarbeiten und weitergeben. Ich habe mich immer von der Hand Gottes geführt gefühlt – so wie der Prophet Ezechiel, der gesagt hat: „Die Hand Gottes liegt über mir.“ Das habe ich immer gespürt. Und das soll weitergehen.

(4312/1099; E-Mail voraus)

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