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„Mehr als 20.000 Abhängige geheilt“

Auch im brasilianischen Partnerbistum Óbidos: „Fazenda da Esperança“ zeigt Weg aus der Drogensucht – Eröffnung vor einem Jahr – Interview mit Gründer Franziskanerpater Hans Stapel

Óbidos/Würzburg (POW) Seit einem Jahr besteht die „Fazenda da Esperança“ („Bauernhof der Hoffnung“), eine kirchliche Einrichtung zur Rehabilitation von Drogensüchtigen, im brasilianischen Partnerbistum Óbidos. Sie wurde im Januar 2012 an dem Tag eingeweiht, an dem auch die Erhebung der Prälatur Óbidos zum Bistum gefeiert wurde. Die Resultate der Fazendas sprechen für sich: Mit überdurchschnittlichem Erfolg schaffen es die Einrichtungen, Menschen von Drogensüchten zu befreien. Im folgenden Interview erzählt Gründer Franziskanerpater Hans Stapel, wie das Projekt entstand, und erläutert die praktische Umsetzung.

POW: In Óbidos ist vor einem Jahr die 82. Fazenda da Esperança eröffnet worden. Welche Gedanken gehen Ihnen als Begründer dieser Einrichtung angesichts dieser Zahl durch den Kopf?

Franziskanerpater Hans Stapel: Ich habe mich daran erinnert, wie ich damals den jungen Johannes Bahlmann, heute Bischof von Óbidos, in Deutschland kennengelernt habe. Ich habe damals davon erzählt, wie wir in Guaratinguetá nach dem Wort Gottes leben. Er hat begeistert gefragt, ob er einmal zu uns nach Brasilien kommen könne. Er kam dann, blieb zwei Jahre, wurde Franziskaner und ist heute Bischof. Er kennt die Anfänge der Fazenda. Wir haben damals die Gegenwart Jesu sehr oft gespürt. Das hat uns so sehr angerührt, dass wir gesagt haben: Das kann nicht nur hier bleiben. Das muss in die Welt hinein. Die jungen Leute müssen dieses neue Leben entdecken, damit sie aus dem Drogensumpf herauskommen. Wir haben festgestellt, dass das gelebte Wort Gottes stärker ist als alle Abhängigkeit.

POW: Wie kamen Sie auf die Idee, die erste Fazenda da Esperança zu gründen?

Stapel: Am Anfang war es so, dass einige jugendliche Drogenabhängige zu mir kamen und mich um Hilfe baten. Ich dachte, dafür muss man in Psychologie bewandert sein oder in Medizin. Aber ich habe gesagt: Ihr könnt mit uns das Wort Gottes leben. Sie haben mitgemacht – und zu meiner großen Überraschung kamen sie los von der Droge und stifteten andere mit ihrem neuen Lebensstil an. So entstand ein Schneeballeffekt. Es kamen immer mehr. Erst später habe ich verstanden, dass Gott uns auf einen spirituellen Weg geführt hat, der aus der Drogenabhängigkeit herausführt, einen spirituellen Weg, den es bis dahin noch nicht gab. Heute kann ich sagen: Ohne das gelebte Evangelium, ohne die konkrete Liebe, ist es schwer, von der Droge loszukommen. Viele sind in den Drogenkonsum hineingeraten, weil sie Lieblosigkeit erfahren haben oder weil sie nie gelernt haben, konkret die Liebe zu leben. Nur wer anfängt, für den anderen zu leben, schafft es auch, von der Droge loszukommen. Bislang haben es weit über 20.000 Menschen auf diese Weise geschafft. Augenblicklich sind fast 3000 bei uns, die ein Jahr lang mit uns leben und versuchen, auf diese Weise ihre Drogenabhängigkeit zu überwinden.

POW: Wie hoch ist die Erfolgsquote?

Stapel: Drei verschiedene Universitäten haben dazu Studien durchgeführt, neben zwei brasilianischen auch die Universität Köln. Dafür wurden wir fünf Jahre lang begleitet. Im Fokus standen die Leute, die das Jahr auf der Fazenda abgeschlossen haben und danach noch in den „Gruppen der gelebten Hoffnung“ weiter begleitet werden. Diese treffen sich wöchentlich mit anderen Ehemaligen und den Eltern und stützen sich so gegenseitig. Alle Studien haben belegt, dass über 80 Prozent der Teilnehmer es dauerhaft schaffen, vom Drogenkonsum wegzukommen. Das ist auf diesem Gebiet ein Spitzenwert.

POW: Vermutlich ist Ihre Methode bei Medizinern oder Psychologen nicht unbedingt auf Gegenliebe gestoßen. Denen ist Ihr Programm sicher zu fromm.

Stapel: Anfangs musste ich mir immer wieder anhören: Wer von Liebe redet, ist nicht professionell. Gerade in Deutschland hatten wir es deswegen sehr schwer. Wir wurden immer wieder gefragt: Welches Studium, welche Qualifikation haben Ihre Leute? Ich habe dann immer geantwortet: Es geht doch darum, dass wir den Menschen helfen. Wollt Ihr nicht auch, dass diese von den Drogen loskommen? Und dann schauen wir doch mal, wie viele es schon geschafft haben. Streiten wir uns nicht über Methoden, wenn das Ergebnis letztlich das Einzige ist, was zählt. Das Familie-Sein, das Leben von der eigenen Hände Arbeit, finanziell unabhängig zu sein von Eltern oder Staat und die täglich neue Orientierung am Evangelium helfen den jungen Leuten, das Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

POW: Wie finanzieren sich Ihre Einrichtungen?

Stapel: Die Hauptkosten werden von der Arbeit der Jugendlichen getragen. Im Evangelium steht, man soll Waisen, Witwen und Kindern helfen. Aber nicht jungen Leuten, die kräftig und gesund sind und arbeiten können. Es ist nötig, eine Infrastruktur bereitzustellen. Dafür spenden zum Teil Menschen, die diese Notwendigkeit sehen und helfen. In einigen Ländern unterstützt uns auch der Staat, auch Firmen spenden. Unterstützt werden wir auch von traditionellen Hilfswerken. Dadurch, dass keine laufenden Kosten entstehen, weil die Häuser sich selbst tragen, können die Fazendas sich so rasant vermehren.

POW: Sind die Häuser, wie das Wort Fazenda nahelegt, alle Bauernhöfe, oder gibt es auch andere Modelle?

Stapel: Die meisten Einrichtungen sind Bauernhöfe. Wenn sie in Stadtnähe liegen, gibt es auch kleinere Fazendas, wo dann industriell gearbeitet wird. Das ist aber eher die Ausnahme. Auf dem Bauernhof ergibt sich der regelmäßige Kontakt mit der Erde und mit Tieren. Beides hat einen sehr heilsamen Einfluss.

POW: Wo gibt es in Deutschland Fazendas?

Stapel: In Deutschland haben wir um die Jahrtausendwende auf Gut Neuhof bei Berlin angefangen. Das war die erste Männer-Fazenda. In der Nähe, etwa 20 Kilometer entfernt, entstand in Riewend eine Frauen-Fazenda. Eine weitere Einrichtung für Männer entstand dann in Bickenried bei Kaufbeuren. Am Niederrhein entstand im ehemaligen Franziskanerkloster Mörmter eine Fazenda. Seit April gibt es, als jüngste Niederlassung in Deutschland, eine weitere Frauen-Fazenda in Hellefeld im Erzbistum Paderborn. Weitere Fazendas gibt es in der Schweiz, in Portugal, in Mosambik und auf den Philippinen.

POW: Muss man katholisch oder zumindest Christ sein, um in eine der Fazendas einziehen zu können, oder sind die Häuser offen für alle?

Stapel: Sie sind offen für alle. Man muss bereit sein, die Liebe zu leben, jeden Tag ein Wort aus dem Evangelium in die Tat umzusetzen. Wir haben sehr viele Orthodoxe bei uns. Allein in Brasilien haben sich bei uns schon über 120 Russen von der Droge befreit. Wir haben auch viele Juden, Sektenangehörige und Muslime bei uns aufgenommen. Wir haben nie Schwierigkeiten mit anderen Religionen gehabt.

POW: Wie sieht der Tagesablauf in der Fazenda typischerweise aus?

Stapel: Morgens nach dem Aufstehen beten die Bewohner gemeinsam den Rosenkranz, lesen das Evangelium des Tages und suchen sich einen Satz heraus, den sie an diesem Tag leben wollen. Dann folgen acht Stunden Arbeit – auf dem Feld, bei den Tieren oder in der Industrie. Das Mittagessen wird in der Gemeinschaft eingenommen. Immer in Gruppen von höchstens zwölf bis 14 Personen. Am Nachmittag ist oft Messe. Es gibt darüber hinaus viel Sport, außerdem andere Programme. Einmal im Monat ist Besuchertag an einem Sonntag. Im ersten Vierteljahr gibt es keinen Besuch, einfach damit sie Abstand gewinnen und die Wunden, die man sich in der Familie gegenseitig zugefügt hat, erst einmal ein wenig verheilen können. Der Besuchertag ist wichtig, weil dann viel geheilt werden und Vergebung stattfinden kann. Das Jahresprogramm wird vom Kirchenjahr mitbestimmt, wir feiern auch die lutherischen Feiertage und ebenso weltliche Feste wie Karneval – aber in einem neuen Geist: im Geist der Familie der Fazenda. Außerdem gibt es Ausflüge an den Strand, damit unsere Leute auch diese bekannten Orte in einem neuen Licht erleben können. Dann höre ich oft: „Mensch, so glücklich war ich hier noch nie. Früher hätte ich mir das nicht so vorstellen können. Da brauchte ich immer Drogen, Alkohol und Frauen dazu.“ Das ist dann immer ein Schlüsselerlebnis.

POW: Wie sieht Ihre Vision für die Fazenda aus?

Stapel: Ich habe den Eindruck, es wächst weiter. Gott hat es immer eilig. Immer, wenn es ein Problem gab, hat er ein Charisma geschickt. Heute ist der Drogenkonsum ein weltweites Problem. Gott schenkt Berufungen, schickt uns Geld, schickt uns Bauernhöfe. Neben den 82 bestehenden gibt es bereits 30 weitere, die wir auf- und ausbauen. Besonders nach dem Besuch des Heiligen Vaters auf der Fazenda im Jahr 2007 hat sich weltweit viel in unserem Sinn bewegt.

Zur Person

Hans Stapel, Jahrgang 1945, wuchs in Paderborn auf und erlernte das grafische Gewerbe. Anschließend erwarb er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur, ging 1972 nach Brasilien und bei den Franziskanern in das Noviziat. In Petrópolis studierte er Philosophie und Theologie und kam mit der so genannten Theologie der Befreiung in Berührung. Als junger Priester wurde er Pfarrer von Guaratinguetá. In dieser Gemeinde wurde die Idee der Fazenda geboren. Die franziskanischen Mitbrüder erkannten, dass die Sorge um die Drogenabhängigen die zeitgemäße Entsprechung zum Einsatz des Ordensgründers Franziskus für die Leprakranken ist und stellten ihn für diese Aufgabe frei, mit der Bedingung, dass er ohne Mitbrüder und Geld vom Orden auskommt. Heute zählt die Fazenda-Familie über 500 Mitglieder, darunter 14 Priester und auch viele Gottgeweihte, die den Zölibat leben.

(0413/0078; E-Mail voraus)

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